Charta eine Zwangsjacke für die Demokratie

Bangkok — Das vom Mil­itär einge­set­zte Komi­tee zur Ausar­beitung ein­er Ver­fas­sung, das nach dem Putsch von 2014 einge­set­zt wurde, wusste sicher­lich, was es tat. Er hat 2017 eine Char­ta aus­gear­beit­et, die nun als Zwangs­jacke für Thai­lands demokratis­ches Ergeb­nis der Par­la­mentswahlen vom ver­gan­genen Son­ntag dient.

Das grund­sät­zliche Prob­lem nach der Wahl ist, dass die amtieren­den Machthaber ver­fas­sungsrechtliche Regeln einge­führt haben, die ver­hin­dern, dass das thailändis­che Volk das let­zte Wort darüber hat, wie sein Land regiert wer­den soll. Diese Diskrepanz zwis­chen dem, was die Mehrheit der Wäh­ler will, und dem, was die Machthaber hin­ter den Kulis­sen nicht zulassen wollen, dürfte in den kom­menden Wochen zu heftigem poli­tis­chen Gegen­wind führen.

In den meis­ten anderen Län­dern wür­den die Oppo­si­tion­sparteien, die die Wahl gewon­nen haben, bere­its jet­zt in eine neue Regierung überge­hen, da sie zusam­men mehr als 60 % der Stim­men erhal­ten haben. Nach­dem die Ergeb­nisse der aus­tralis­chen Wahlen vom Mai 2022 bekan­nt waren, über­nahm der Vor­sitzende der siegre­ichen Partei sofort das Amt des Pre­mier­min­is­ters und flog inner­halb weniger Stun­den nach Japan, um am Gipfel­tr­e­f­fen der Quad”-Länder teilzunehmen, zu denen Indi­en, Japan und die Vere­inigten Staat­en gehören.

In Thai­land ist die Sache nicht so ein­fach. Die jüng­sten thailändis­chen Wahlen glichen eher einem Nominierungsver­fahren, bei dem die Stim­men der Bürg­er zwar notwendig, aber nicht aus­re­ichend sind, um eine Regierung zu bilden. Nach den Wahlen gibt es eine bis zu drei­monatige Pause, in der die Wahlergeb­nisse von den für die Überwachung der poli­tis­chen Parteien und Poli­tik­er zuständi­gen Behör­den, allen voran der Wahlkom­mis­sion, dem Ver­fas­sungs­gericht und der Nationalen Anti-Kor­rup­tions-Kom­mis­sion, geprüft und bew­ertet wer­den. Gemein­sam haben diese drei Behör­den in den let­zten Jahren eine Rei­he großer poli­tis­ch­er Parteien aufgelöst und Dutzende von gewählten Vertretern disqualifiziert.

Die Wäh­ler kön­nen zwar ihre Poli­tik­er, Parteien und das poli­tis­che Ange­bot wählen, doch das Endergeb­nis wird von diesen mächti­gen Behör­den bes­timmt, deren Mit­glieder noch aus der Zeit des Mil­itärs stam­men. Seit April 2006 sind diese Behör­den bei der Fes­tle­gung der Ergeb­nisse poli­tisch selb­st­be­wusster gewor­den, indem sie 2007 und 2008 Parteien auflösten und danach eine Rei­he weit­er­er inter­ven­tion­is­tis­ch­er Entschei­dun­gen trafen.

Im Jahr 2011 mussten sie den großen Sieg — 265 von 500 Sitzen im Unter­haus — der Pheu Thai Partei hin­nehmen, die mit Thaksin Shi­nawa­tra ver­bün­det war und damals von sein­er Schwest­er Yingluck Shi­nawa­tra geführt wurde. Doch sobald die Regierung Yingluck einen großen Fehler beg­ing, indem sie ein Amnestiege­setz ein­führte, um krim­inelle Verge­hen, die aus der poli­tis­chen Polar­isierung seit 2006 her­rührten, ein­schließlich Thaksins, aufzuk­lären, ergrif­f­en diese Behör­den entschei­dende Maß­nah­men, die den dama­li­gen Pre­mier­min­is­ter absetzten.

Der Staatsstre­ich von 2014 hat diese Behör­den weit­er gestärkt und zusät­zliche Mech­a­nis­men geschaf­fen, um sicherzustellen, dass die poli­tis­chen Ergeb­nisse von kon­ser­v­a­tiv­en Kräften kon­trol­liert und bee­in­flusst wer­den kön­nen. Dazu gehörte vor allem die Entschei­dung, dass die Mil­itär­jun­ta ein Drit­tel des Par­la­ments ernen­nen darf, einen 250-köp­fi­gen Sen­at, der den Pre­mier­min­is­ter wählen kann. Auf diese Weise kön­nen die pro-mil­itärischen Parteien mit Hil­fe des Sen­ats und der Schiedsstellen die pro-demokratis­chen Parteien in Schach hal­ten. Mit der Auflö­sung der Future For­ward Par­ty und dem Ver­bot ihres Vor­sitzen­den im Jahr 2020 haben sie diese Macht demonstriert.

Die thailändis­che Poli­tik befind­et sich nun in ein­er ähn­lich prekären Lage. Die Oppo­si­tion­sparteien haben bei den jüng­sten Wahlen auf Kosten der mil­itär­fre­undlichen Parteien erhe­blich an Stärke gewon­nen. Als Nach­fol­gerin der FFP ist die MFP mit 152 von 500 Sitzen, darunter 32 von 33 Sitzen in Bangkok, über­raschend zum größten Gewin­ner der Wahl gewor­den. Zusam­men mit den 141 Sitzen von Pheu Thai stellen die bei­den Parteien 58 % aller neuen Abge­ord­neten. MFP und Pheu Thai liefer­ten sich natür­lich einen erbit­terten Wettstre­it. Während die Umfra­gen im Vor­feld der Wahl mehr als 200 Sitze für Pheu Thai und knapp 100 für die MFP ergaben, kon­nte die fünf Jahre alte Partei ihren 25 Jahre alten Konkur­renten an zwei Fron­ten überflügeln.

Ohne eine Kriegskasse mit Geld­mit­teln, um Wäh­ler anzu­lock­en und zu überzeu­gen, musste die MFP organ­isch arbeit­en und selb­st aktiv wer­den. Während die thailändis­chen Parteien alten Stils bezahlte Wahlwer­ber beschäftigten, die auf der Grund­lage von Klien­tel­net­zw­erken und Geld­maschi­nen Wäh­ler mobil­isierten, zogen die Führer und Fuß­sol­dat­en der MFP durch das ganze Land, um ihre Botschaft der insti­tu­tionellen Reform zu ver­bre­it­en. Die jun­gen Anhänger der Partei wur­den zu ihren Wahlhelfern und stell­ten die Verbindung zu den älteren Gen­er­a­tio­nen im Lan­desin­neren und in anderen städtis­chen Gebi­eten des Lan­des her.

Der Tri­umph der MFP ist auch auf ihre Refor­ma­gen­da zurück­zuführen, mit der sie mehr als 14 Mil­lio­nen von mehr als 36 Mil­lio­nen Stim­men auf den Parteilis­ten des Ver­hält­niswahlrechts erhielt.

Thai­land hat bei dieser Wahl einen Par­a­dig­men­wech­sel vol­l­zo­gen. Wie die attrak­tive Reform­plat­tform der MFP gezeigt hat, geht es im Kampf um die Herzen und Köpfe nicht mehr um Pop­ulis­mus und die Über­win­dung der Kluft zwis­chen Arm und Reich bzw. Stadt und Land, in der die poli­tis­che Maschiner­ie der Pheu Thai phänom­e­nal gut war. Auf dem neuen Schlacht­feld geht es um insti­tu­tionelle und struk­turelle Refor­men des Mil­itärs, der Monar­chie und der Jus­tiz, bis hin zu Wirtschaft, Regierungs­führung und Verfassung.

Pita Lim­jaroen­rat, der Vor­sitzende der MFP, hat angekündigt, dass er die Unter­stützung von 313 gewählten Abge­ord­neten aus acht Parteien hat — von 62 % der Abge­ord­neten und prak­tisch dem gesamten Oppo­si­tions­block — um eine Regierung zu bilden. Der ernan­nte Sen­at ste­ht ihm jedoch im Weg, da eine Zweikam­mer­mehrheit von 376 Abge­ord­neten für das Amt des Pre­mier­min­is­ters erforder­lich ist. Die Char­ta von 2017 wurde genau für diese Sit­u­a­tion ent­wor­fen, um die demokratis­chen Entschei­dun­gen der Wäh­ler zu untergraben.

Solange sich der Sen­at nicht auf­s­pal­tet und für Pita als Pre­mier­min­is­ter stimmt, wird die MFP kaum in der Lage sein, eine Koali­tion­sregierung zu bilden. Da etwa die Hälfte der 250 Sen­a­toren Gen­er­al Prayut Chan-o-cha von der Unit­ed Thai Nation Par­ty, dem amtieren­den Pre­mier­min­is­ter, treu ergeben ist und etwa 80 weit­ere Gen­er­al Praw­it Wong­su­won von der Palang Pracharath Par­ty, während der Rest eine neu­trale Hal­tung zu den Wahlergeb­nis­sen ein­nimmt, wird es ein schwieriges Unter­fan­gen sein, genü­gend Sen­atsstim­men für eine MFP- und Pita-geführte Regierung zu bekommen.

Darüber hin­aus kön­nten die Auf­sichts­be­hör­den mit dem Sen­at zusam­me­nar­beit­en, indem sie gegen Her­rn Pita wegen ein­er kleinen Anzahl obskur­er Medi­en­ak­tien vorge­hen, die seine Fam­i­lie unter seinem Namen besitzt. Die Dis­qual­i­fizierung von Her­rn Pita würde sein gewähltes Amt als Pre­mier­min­is­ter been­den und die Bemühun­gen der MFP, die neue Regierung zu führen, zunichte machen. Dies ist ein erprobtes und bewährtes Manöver. Abge­se­hen vom FFP-Fall 2019 – 20 wurde 2008 ein amtieren­der Pre­mier­min­is­ter in ähn­lich­er Weise aus dem Amt gewor­fen, weil er eine Kochshow mod­erierte, für die er ein sym­bol­is­ches Hon­o­rar erhielt.

Die Frage ist, ob die amtieren­den Machthaber hin­ter diesen Behör­den und dem Sen­at wie in der Ver­gan­gen­heit wieder unges­traft davonkom­men kön­nen. Der Rück­halt in der Bevölkerung für die MFP wächst. Der Fak­tor, den der kon­ser­v­a­tive Flügel nicht tolerieren kann und will, sind die von der MFP vorgeschla­ge­nen Refor­men des Mil­itärs und der Monar­chie, ins­beson­dere die Aufhe­bung der Wehrpflicht und des Para­graphen 112 des Strafge­set­zbuchs, auch bekan­nt als Gesetz gegen die Majestätsbeleidigung.

Diese Refor­mvorschläge sind die neuen Bruch­lin­ien in der thailändis­chen Poli­tik. Bei den Wahlen geht es also um die Rolle und Funk­tion des Mil­itärs und der Monar­chie im poli­tis­chen Sys­tem Thai­lands. Mit ihrer Wahlentschei­dung für die MFP sagen immer mehr Thais, dass sich ihr Land verän­dern muss. Es ist unwahrschein­lich, dass sie pas­siv herum­sitzen wer­den, wenn ihre Stim­men nicht gehört wer­den oder ihnen die Rechte ent­zo­gen wer­den, die sie gewohnt sind.

Thiti­nan Pong­sud­hi­rak, PhD, ist Pro­fes­sor an der Fakultät für Poli­tik­wis­senschaft und Senior Fel­low am Insti­tut für Sicher­heit und Inter­na­tionale Studien.

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